Diskussion um europäische Lösung
03.10.08
Politiker fordern klare Spielregeln für die Finanzmärkte
Berlin (ddp). Politiker und Finanzexperten suchen wegen der internationalen Finanzmarktkrise verstärkt nach Wegen für einen besseren Schutz der europäischen Kreditinstitute. Der designierte SPD-Chef Franz Müntefering sprach sich am Freitag für neue internationale Regeln auf den Finanzmärkten aus. In einem Interview mit dem Radiosender ffn forderte er mehr Transparenz. Es müsse für den Verbraucher eine Kalkulierbarkeit geben, sagte er. Zudem müsse dafür Sorge getragen werden, dass das Einkommen von Top-Managern nicht mehr vom kurzfristigen Erfolg solcher Geschäfte abhänge.
Auch CDU-Vize Jürgen Rüttgers fordere «klare Spielregeln auf den internationalen Finanzmärkten». Mit Blick auf die weltweite Krise sprach sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident für «klare Verantwortlichkeiten im Bankengeschäft» aus. «Wir brauchen mehr Transparenz. Intransparenz auf allen Ebenen hat zusammen mit Leichtsinn und Gier maßgeblich zur aktuellen Finanzkrise beigetragen», sagte Rüttgers auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung am Freitag in Paris.
Rüttgers begrüßte, dass sich am Samstag die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich zu einem Gespräch über Möglichkeiten zur Eingrenzung der Finanzkrise in Paris treffen. Die Finanzmärkte und die Bürger in der EU bräuchten jetzt ein «Signal des Vertrauens».
Nach Meinung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, sollten die Regierungen der europäischen Länder ihre Reaktionen auf die Finanzmarktkrise gegenseitig abstimmen. Bei dem Sondertreffen in Paris solle eine «gemeinsame Richtung» erarbeitet werden, sagte Trichet am Freitag in einem Interview mit dem Sender «Europe1».
Der deutsche Sparkassenpräsident Heinrich Haasis sprach sich für ein staatliches Schutzprogramm für die Kreditinstitute in Europa aus. «Wenn immer mehr Länder Sicherungsschirme aufspannen, wäre es klug, sich um eine europäische Lösung zu bemühen», sagte Haasis der Tageszeitung «Die Welt» (Samstagausgabe). Sollten sich die Staaten darauf nicht einigen können, sei zumindest ein umfassendes nationales Paket in Deutschland notwendig. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte sich als erster hochrangiger Banker für eine europaweite Lösung ausgesprochen.
Die Bundesregierung setzt dagegen weiter auf die Rettung einzelner strauchelnder Institute, was laut «Welt» in der Kreditwirtschaft zunehmend auf Kritik stößt. «Auf Dauer ist das kein Weg, um einer Krise des ganzen Finanzsystems zu begegnen», habe ein Bankenvertreter der Zeitung gesagt.
Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) steht die Krise der internationalen Finanzmärkte vor ihrem Ende. «Ich denke, es ist das große Finale - allerdings kein kurzes Finale, sondern eher wie bei einer Wagner-Oper, mit viel Tamtam und großem Tusch», sagt IW-Direktor Michael Hüther in einem am Freitag vorab veröffentlichten Interview der Zeitschrift «Super Illu». Hüther geht davon aus, «dass die Rettungsaktion in den USA ebenso wie das Handeln der übrigen Regierungen Wirkung zeigt und in der Lage sein wird, Vertrauen wiederherzustellen.
Nach Ansicht des New Yorker Ökonomie-Professors Nouriel Roubini ist die Finanzkrise hingegen noch lange nicht vorbei. Es würden noch Hunderte von Banken auch in Europa pleitegehen, sagte Roubini dem «Handelsblatt» (Online-Ausgabe). Roubini hatte frühzeitig vor dem Entstehen der Finanzkrise gewarnt.
(ddp)

